"Bei dem zweiten von den Künstlern gemeinsam entwickelten und umgesetzten Ausstellungskonzept stand einerseits wieder die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie im Vordergrund, andererseits sollte erneut eine Verbindung zwischen den beiden ausgestellten Bildserien hergestellt, sowie Raum und Betrachtende mit einbezogen werden. Murabito zeigte Teile ihrer Serie „Melankólikus“ (ungarisch für melancholisch), Fengler den Abschluss seiner Serie „Erinnerung“. Zentrales Element der von den beiden Künstlern gemeinschaftlich entwickelten Installation stellte dabei die konsequente partielle Verhüllung der Bilder mit transparentem blauem Stoff dar, welcher eine Art trennenden Schleier zwischen Innen und Außen symbolisierte. Den Betrachtenden war es dabei selbst überlassen, wie weit sie diesen Schleier zu lüften gewillt (oder imstande) waren, bzw. sich auf den Prozess des Dahinterblickens und In-Sich-Gehens einlassen wollten. Zusätzlich konnte man in einem (ebenfalls verschleierten) von Fengler konstruiertem Album blättern (Titel: „ERINNERUNG(s)SPIELRAUM“), das mit gefundenen alten Fotografien und eigens für die Ausstellung und deren Themen geschriebenen Texten gefüllt war: Ein vor-gedachtes Jahr 2018. Das beiden Serien immanente Abwesendsein (träumerisch erinnernd oder traurig) wurde durch ein permanent den Raum erfüllendes warmes Regengeräusch hör- und erfahrbar gemacht."

Virgil G. Venglescu

HELL.KAMMER.FLIMMERN 15

Aber was heißt das nun? Wir werden ein Regen sein und einige Tage dauern? Und die einen werden es vergessen, und die anderen werden sich erinnern? Wieder andere werden es gar nicht wahrgenommen haben? Oder: wir werden ein Schleier sein zwischen uns? Und uns vorsichtig lüften, wenn der Regen abgeklungen ist, und uns erkennen? Gänzlich erkennen, was wir schon ahnten? Und was heißt das dann, wenn wir merken, daß wir abgeklungen sagten? (Oder dachten wir das nur?) Weil es Musik war, oder ein Lied? Und meinen wir dann noch den regen, der immer in unseren Köpfen war? Oder meinen wir dann schon uns? Heißt das dann: der Schleier war zuerst zwischen uns und uns selbst, zwischen dir und dir selbst, zwischen mir und mir selbst? Und entgrenzten wir uns, jeder für sich, und erkannten uns, jeder für sich? Und heißt das dann: die Selbstentgrenzung ist die Vorstufe der Selbsteingrenzung, und die Selbsteingrenzung ist die Voraussetzung für die Selbsterkenntnis? Und heißt das dann: wir kennen uns selbst, weil wir uns abgegrenzt haben, und: wir kennen uns, weil wir uns innerhalb dieser Grenzen erkannt haben? Und ist das dann ein Kreis, den wir um uns gezogen haben: wir innen, sie außen? Oder wurde dieser Kreis gezogen? Oder zog sich dieser Kreis selbst? Oder ist das ein Schleier zwischen ihnen und uns, den sie nicht lüften wollen, oder nicht können, oder wir nicht? Und was heißt das dann? Wir werden gelogen haben? Wir werden gar nicht dieser Regen gewesen sein, statt dessen der Garten, die lockere Erde, die Blätter, die Zweige, das Gras, all das, worauf es regnet? Und wir werden das gar nicht verwerflich finden, weil es nur um das Geräusch geht, das stetige Tropfen? Und heißt das dann: wir werden uns jegliche Schuld absprechen und uns ein Dazwischen nennen, eine verwischte Grenze, ein halbtransparentes Wort? Und werden wir es aussprechen? Werden wir uns aussprechen? Wie neulich, als du mich fragtest, was ich von ihnen und uns weiß, und ich gar nicht mehr wußte, daß ich gar nichts mehr wußte und JA sagte, und du ACH SO, und wir wahrscheinlich gar nicht miteinander sprachen, vielmehr nur einfach da waren und das voneinander wußten.

Vinzenz Fengler, 2011